GG 117

De Mundo Aristotelis Lib. I. Philonis Lib. I. Gulielmo Budaeo interprete. Cleomedis Lib.II. Georgio Valla interprete.
Aristotelous peri kosmou, pros Alexandron bibl. hen. Philonos Ioudaiou peri kosmou bibl. hen.
Ad haec Scholion doctiss. in Aristotelis libellum de Mundo, Simone Grynaeo authore. Basel: Johannes Walder März 1533. 8°.

Eine Synopse über das Weltall in antiken Theorien auf Wunsch eines Studenten, deren Entstehungsgeschichte sowohl Einblick in den Unterricht an der Basler Universität bietet wie sie einen überaus sympathischen Umgang des Professors Grynaeus mit seinen Studenten offenbart. In seiner undatierten Widmung an diesen Studenten, den aus Leeuwarden stammenden Severinus Hangia (ab Hania), der sich im ersten Jahr an der neuen Universität immatrikuliert hatte, die sich natürlich ebenso an sämtliche Leser des Büchleins richtet, erläutert Grynaeus auch die Zusammensetzung des Büchleins. Als er kürzlich den Studenten der griechischen Sprache und Literatur (Graecarum literarum studiosis) das goldene Buch des Aristoteles über die Welt öffentlich erklärt habe (publice enarrarem), habe er, Hangia, durch dessen besondere Schönheit ergriffen, ihn aufgefordert, wenn er die übrigen Untersuchungen, die er nebenbei berührt habe, da sie bei den jeweiligen Autoren an den betreffenden Stellen ausführlich behandelt seien, nicht vorbringen wolle, wenigstens diejenigen, die er mehrmals zur Würde der Philosophie oder zur Herrlichkeit der Schöpfung (natura) angeführt habe, nicht untergehen zu lassen, da sie den Studenten einigen Nutzen brächten, sondern sie ihm zuliebe und zu Nutzen irgendwie vereint niederzuschreiben. Er habe das mehr als Urteilsspruch denn als Aufforderung verstanden und befolgt. Und was er sich hiervon ins Gedächtnis habe zurückrufen können, habe er festgehalten und ihm, der sich von seinen Hörern am meisten dafür interessiert habe, gewidmet, obwohl er wisse, dass nichts hiervon seiner Begabung (virtutibus) und seinem Urteilsvermögen (iudicio) entspreche. Synopsis nennten es die Griechen, wenn ein weitläufiger Stoff zusammengefasst und unter einem einzigen Gesichtspunkt dargeboten werde, das heisst wenn man die Einzelbehandlung ausspare und den Stoff nur zur Hauptsache behandle, was ja in allen Fächern nötig sei, da es nicht genüge, die Einzelheiten zu kennen ohne den Zusammenhang zu sehen, worauf man in jeder Untersuchung zusteure, wenn man den Endzweck einer Sache verstehen und sie umfassend beschreiben wolle. So wolle man, wenn man alles sehe, das Gesamte sehen, wie wenn erst dann die einzelnen Dinge richtig gesehen würden, wenn man jedes an seinem Ort sehe. Und wie Glieder eines Lebewesens einzeln kraftlos seien, so trügen im Denken die ohne Zusammenhang betrachteten Teile nichts zu einer einigermassen wahrhaften Erkenntnis bei. Dafür gebe es darum viele Beispiele in allen Fächern. So in der Geographie: von der Gegend zum Vaterland, zu dessen Lage in der Welt, den Völkern. So sei die Beschreibung der Einzelteile der Welt ohne die des Himmelsgewölbes unnütz. So hätten die Geographen den Gesamtanblick der Erde und des Himmels miteinander verknüpft, damit die Hauptsache dabei, worauf der Geist ausgehe, nämlich die Lage jedes Ortes in der Welt, festzuhalten sei. Und erst nach ihrer Bestimmung in der Welt habe man mit dem Vergleich der Länder untereinander begonnen. Dieser Art sei das vorliegende Büchlein, ein Abbild der Welt. Es hätte wohl gereizt, nach der Durchforschung aller Winkel der Welt und der Metalle, Pflanzen, Tiere, Elemente, des Himmels und der Erde eine Zusammenfassung dieser Reise zu bieten und sie gesamthaft vor Augen zu stellen, damit man jedes Ding an seinem Ort sehe und der Geist alles nochmals durchgehen könne. Worauf Grynaeus den jungen Severin darauf hinweist, dass er das alles schon oft von ihm gehört habe, von der Erde, die durch ihr Gewicht im Zentrum der Welt befestigt sei und sämtliche Arten Lebewesen gleichsam in ihrem Schoss hüte, über die Meere, die Luft, Wolken, Winde, Donner, Blitze bis zum unverderblichen Äther über der verderblichen Welt. Das lerne man in allen Freien Künsten und Fächern kennen, besonders aber führe die Mathematik zur Betrachtung der Welt. Unglaublich, wie aus jener Trockenheit, mit der die Mathematiker sich zumal beim Lernen abmühten, solch herrliche Frucht entstehe. Alle Betrachtung der Schöpfung sei blind ohne die Mathematik. Sie zeige die Unermesslichkeit der Welt durch den Vergleich der wichtigsten Körper untereinander und ihre Lage und trage ganz besonders zu jener bei. Und da nicht jeder in der Lage sei, diese Untersuchungen sich aus den Autoren herauszusuchen, habe er das Büchlein des Cleomedes beigefügt, das diesen Stoff überaus geschickt behandle (Vallas Übersetzung war bis dahin einmal erschienen: im Sammeldruck mit Nicephorus Blemmida u.a. in Venedig von 1498, der griechische Erstdruck erschien erst 1539 in Paris bei Conrad Neobar). Da aber von den beiden Problemen der Schöpfung, Ursache und Nutzen, sowohl Griechen wie Lateiner ausführlich und hervorragend gehandelt hätten, brauche er das nicht zu wiederholen. Als Beispiele führt Grynaeus Senecas "Sieben Bücher über sämtliche atmosphärischen Veränderungen (die 7 Bücher der Naturales quaestiones) und die Schriften des Aristoteles an. Diese Unterteilung wäre interessant, aber zu umfangreich für einen Brief; doch vielleicht seien studiosi nun auf den Geschmack gekommen, so dass einer bei genügend Begabung und Zeit es behandle. In seiner Zeitnot wäre es lächerlich, darüber zu schreiben zu versuchen.

1590 hat sich nochmals ein Severinus Hanja, Frisius-Occiduus in Basel immatrikuliert, der Rechtsgelehrte Suffridus Hania zur Doktorpromotion in den Rechten; wohl ein Nachkomme oder zumindest Verwandter des Schülers des Grynaeus.

Aus Besitz des Basler Mathematikers Daniel Huber: K 1 XII 2

Bibliothekskatalog IDS

Signatur: Kl XII 2:1

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Vorrede von Simon Grynaeus an den Studenten Severinus Hangia (ab Hania), ohne Datum, 1. Seite

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Vorrede von Simon Grynaeus an den Studenten Severinus Hangia (ab Hania), ohne Datum, 2. und 3. Seite

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Vorrede von Simon Grynaeus an den Studenten Severinus Hangia (ab Hania), ohne Datum, 4. Seite

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