UB Basel
Archiv Aktuell-Meldungen - 03.04.2000
Ausstellung: fliegende Blätter - Bücher aus Abfall / Der ewige Kalender

fliegende Blätter

Bücher aus Abfall - Der ewige Kalender

Ausstellung 15. April - 17. Juni 2000

Öffentliche Bibliothek der Universität Basel, Schönbeinstrasse 20
 
Geöffnet:  Montag-Freitag 08.30-19.30 Uhr 
Samstag 08.30-16.30 Uhr 
Geschlossen:  Ostern: Donnerstag 20. April ab 12 Uhr bis und mit Montag 24. April
1.Mai: Montag ganzer Tag  
Auffahrt: Mittwoch 31. Mai ab 12 Uhr bis und mit Samstag 3. Juni  
Pfingsten: Samstag 10. Juni bis und mit Montag 12. Juni  

Der Eintritt ist frei  
 

Vernissage:  Freitag, 14. April 2000, um 18.00 Uhr  

Begrüssung durch Lydia Buchmüller (Kunsthistorikerin) und Hannes Hug (Direktor der Universitätsbibliothek).  
Kinder erzählen aus ihren Abfall-Büchern.  
"fliegende Blätter" - zur Poesie des Abfalls: Performance mit Judith Moldovanyi (Stimme), Tom Gerber und Sämi Eugster (Bildprojektion)

Anschliessend wird ein Apéro serviert. 


Zur Ausstellung fliegende Blätter

Anstoss für diese Ausstellung waren zwei künstlerische Versuche:

- "allwäg - Kunst im öffentlichen Raum" (Tom Gerber und Samuel Eugster) untersucht immer wieder Zeit-Phänomene - meist zusammen mit Kindern, unseren idealen Partnern. 1998 ermöglichte uns die Christoph Merian Stiftung Arbeiten zum Thema Abfall. Mit einer 1.+ 4. Primarschulklasse gingen wir daran, Bücher aus Abfall herzustellen. In der Ausstellung sind 36 Objekte von Kindern sowie die Dokumentation von Tom Gerber und 13 Bildkarten von Samuel Eugster präsentiert.

- Seit dem Ende der 80er Jahre zeichnet und malt Samuel Eugster seine Bildkarten. Runde Spielkarten, die ihn unter anderem auf die Idee brachten, sind etwas zwischen Bild und Buch: Ein variables System ohne festgelegten Anfang und offenem Ende: Notizblättlein, Tagebuch, Gedichtsammlung oder Kalender in einem unendlichen Kosmos. In der Ausstellung werden 356 Karten, in 26 Abteilungen gegliedert, gezeigt.

Es war wohl kein Zufall, dass in beiden Arbeiten ein lockerer Umgang mit der Idee des Buches gepflegt wurde. So hat denn die Ausstellung nichts mit einer weiteren Prophezeihung vom Untergang des Buches zu tun. Weder schwarze noch rosa Visionen sind unser Anliegen. Uns interessiert die Gegenwart - die ist uns schwarz-rosa genug.

Zu oft schon ist das Ende des Buches angekündigt worden. Was kam, war nicht das Ende der Buchproduktion, sondern das Wegwerfbuch, das Buch als Abfall. Der Buchmarkt boomt und das Buch verliert seinen Wert. Einst an der Spitze der kulturellen Leistung der Menschheit, muss es sich mit einem Platz neben vielen anderen Medien begnügen.

Früher war so ein Buch eine wunderbare Sache: Es hatte Anfang und Ende. Was da fein säuberlich zwischen den Buchdeckeln lag, war eine überschaubare Einheit. Eine Welt-Anschauung, ein Welt-Modell. - Damit ist es heute vorbei. Wir haben kein verbindliches "Buch der Bücher" mehr, dafür aber viele, sehr viele, unüberschaubar viele Bücher. Der Überblick ging verloren, die Einheit ging verloren und die Ausgangssituation ist ebenso unklar wie das Ziel. Wir haben eine Flut von Büchern - aber ihr Wert und ihre Gültigkeit liegt im Eimer. Ist der Eimer, der Mülleimer, die neue Einheit?

Es gibt längst kein zurück mehr. Die Blätter lösen sich von ihren Büchern, sie fliegen davon, tanzen in der Luft, formieren sich neu, fallen zu Boden, materialisieren sich, erscheinen als Objekte in einer anderen Dimension wieder, oder im Himmel oben, wer weiss: transzendieren sie - um neu codiert auf einem Bildschirm aufzutauchen, als Scheibe in einem Apparat zu drehen, oder zu runden Bildkarten zu regredieren, zu Wahrsagekarten?

Das Buch zerfällt - auch von Innen - es zerbröselt, wird zu Brosamen, Brösmelete, kleiner Prosa, zu Gedichten, zu einzelnen Wörtern und Zeichen so dicht wie Kieselsteine. Es löst sich auf, verzieht sich zu langen, flüchtigen Schatten, zu farbigen Wolken. Die Blättlein fliegen im Wind.

Eine Zeit der Poesie kündigt sich an.

Samuel Eugster



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