UB Basel
Archiv Aktuell-Meldungen - 17.10.2003
Ausstellung und Vortragsreihe: Die Humanitäre Schweiz 1933-1945 - Kinder auf der Flucht

Ausstellung und Vortragsreihe: Die Humanitäre Schweiz 1933-1945 - Kinder auf der Flucht

im Kollegiengebäude der Uni Basel
Petersplatz 1
4003 Basel

31.10. - 19.12. 2003
Öffnungszeiten: Montag – Freitag 8.00 – 20.00 Uhr

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Ausstellungsvernissage: Donnerstag 30.10.2003, 18.15 Uhr
Kollegiengebäude der Universität Basel, 1. Stock

Begrüssung
Hannes Hug
Direktor der Universitätsbibliothek Basel

Prof. Dr. René Rhinow
Juristische Fakultät der Universität Basel
Präsident des SRK Bern

Einführung
Thomas Kessler
Delegierter für Migrations- und Integrationsfragen des Kantons Basel-Stadt

Anschliessend wird ein Apéro serviert

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Vortragsreihe (jeweils donnerstags um 18.15 Uhr):

6.11.2003
Die Schweizer Neutralität und Humanität im Zweiten Weltkrieg
Prof. Dr. Georg Kreis, Historisches Seminar, Basel

13.11.2003
Die Schweizer Kinderhilfe von 1933 bis 1942 : Wie politisch ist die humanitäre Hilfe?
Dr. phil. Antonia Schmidlin, Historikerin, Basel

20.11.2003
Die Juden in den französischen Konzentrationslagern und die politische Situation in der Schweiz
Prof. Dr. Jacques Picard, Institut für Jüdische Studien, Basel

27.11.2003
Die Rückführung und Aburteilung der Schweizer Spanienkämpfer : die politischen Helfer auf der Anklagebank (1939-1940)
PD Dr. phil. Peter Huber, Historisches Seminar, Basel

4.12.2003
Die Retter und die Geretteten : das Schweizer Engagement für die Flüchtlinge (Podiumsdiskussion)
August Bohny, Guy Eckstein, Margot Wicki-Schwarzschild, Zeitzeugen, Basel und Paris

11.12.2003
Ethik und Gesetz : die Flüchtlingshilfe einst und jetzt
Daniel Biedermann, SRK Bern, Thomas Kessler, Migrations- und Integrationsfragen Basel-Stadt, Nicolas Garcia, Bürgermeister Elne

Alle Vorträge finden im Kollegiengebäude der Universität statt

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Die Veranstaltung setzt sich mit der Idee und Realität der "humanitären Schweiz" auseinander. Die Flüchtlingshilfe während der Vorkriegs- und Kriegszeit gehört zu den heiss diskutierten Themen. Die Rolle der schweizerischen Hilfswerke und der Einsatz von deren freiwilligen Mitarbeitern zwischen 1933 und 1945 wurde jedoch noch nicht ausdiskutiert.

Die Ausstellung im 1. Stock des frisch renovierten Kollegiengebäudes der Basler Universität wird von der Unversitätsbibliothek Basel veranstaltet.

Der 1. Teil, Leute auf der Flucht (1933-1939), wertet das freiwillige Engagement der Schweizer Frauen, die nach der nationalsozialistischen Machtübernahme das Schweizerische Hilfswerk für Emigrantenkinder (SHEK) gründeten. Sie betreuten Hunderte von jüdischen Flüchtlingskindern, organisierten Geld-, Kleider- und Nahrungsmittelsammlungen. Die berühmten "Kinderzüge" brachten die erschöpften Flüchtlingskinder zur Erholung in die Schweiz, bleiben durften jedoch nur wenige. Die Basler Sektion des SHEK – unter der Leitung von Georgine Gerhard - war die aktivste.

Während des Bürgerkrieges in Spanien half die Ayuda Suiza (Schweizer Hilfe für Spanien) v.a. den bedrohten Kindern. Eine herausragende Rolle spielte dabei der Berner Rodolfo Olgiati, der die Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für Spanienkinder (SAS) gründete. Er wurde 1940 Zentralsekretär der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für kriegsgeschädigte Kinder (SAK), später leitete er die Schweizer Spende (1944) und nach dem Kriegsende führte er die Schweizer Europahilfe (1948). Nach Spanien brachten die Schweizerinnen und Schweizer Lebensmittel und Kleider mit, eröffneten dort Kantinen, wo sie v.a. die Kinder und Mütter verpflegten. Mit den Lastwagen Dunant, Pestalozzi, Nansen, Wilson u.a. evakuierten sie die Flüchtlinge aus den belagerten Orten.

Nach dem Ende des spanischen Bürgerkriegs (1939) verlagerte sich die Schweizer Hilfstätigkeit nach Südfrankreich, wo die spanischen Flüchtlinge interniert wurden. Seit Frühling 1940 leitete dort Maurice Dubois, der Erfahrungen aus Spanien mitbrachte. die SAK. Etwa 40 junge freiwillige Helferinnen und Helfer aus der Schweiz betreuten Spanier, Juden, Roma und Sinti, Staatenlose und französische politische Häftlinge in den Sammellagern. Sie eröffneten städtische Verteilzentren, gründeten Kinder- und Mütterheime, wo sie auch Geburtshilfe leisteten, wie Elsbeth Eidenbenz in Elne.

Der 2. Teil der Ausstellung, Internierungslager, Kinder- und Mütterheime in Südfrankreich (1940-1944), stellt diese Fakten dar. In den berüchtigten Lagern Gurs, Rivesaltes, Récébédou, Vernet u.a. bewahrten die Krankenschwestern Friedel Bohny-Reiter, Elsbeth Kaser, Elsa Ruth u.a. Kinder und Erwachsene vor dem Hungertod, kleideten sie, unterstüzten sie moralisch und pflegten die Kranken. Sie retteten zahlreiche Juden vor den Transporten in die Nazi-KZs. In den Kinderheimen überlebten Hunderte von spanischen, jüdischen, aber auch französischen Kindern den Krieg. August Bohny, Rosa Naef, Emma Ott u.a. leiteten die Heime in La Chambon sur Lignon, Pringy, La Hille u.a. Auch ihre Mitarbeiter aus der SAK (Sebastian Steiger, Heiri Kägi, Anne-Marie Im Hof-Piguet u.a.) bewegten sich stets zwischen der Legalität und Illegalität. Um die Menschen vor der Vichy-Polizei und der Gestapo beschützen zu können, durften sie die Schweizer Neutralität nicht wortgetreu anwenden. Als das Schweizerische Rote Kreuz Ende 1941 die Leitung der SAK übernahm, verlangte es von den Helferinnen und Helfern strikte "Zurückhaltung". Die Konflikte zwischen der SRK-Verwaltung und den Freiwilligen endeten oft tragisch. Einige wurden suspendiert, zurück in die Schweiz geschickt, wo sie weiter bestraft wurden.

Die umstrittene Rolle des SRK, das einerseits die Freiwilligen durch seine Autorität unterstützen konnte, andererseits sie bürokratisch bestrafte, wird in der Ausstellung erörtet. Die Helferinnen und Helfer, die ungewollt Heldenrollen spielten, werden porträtiert. Die Geschichte der Kinder- und Mütterheime, sowie der Sammellager wird dargelegt. Berücksichtigt wird auch die spontane Unterstützung der Schweizer Bevölkerung (Geld-, Kleider- ,Nahrungsmittelsammlungen).

Der 3. Teil der Ausstellung, Die Geretteten und ihre Retter, berichtet über die Rezeption der freiwilligen Schweizer Hilfe, die jahrelang totgeschwiegen wurde. Erst während der 90er Jahre werteten sie die Historiker aus. Das Schweigen der Beteiligten brachen die Erinnerungen von Anne-Marie Im Hof-Piguet "Flucht durch die Hintertür" (1987). Das Tagebuch von Friedel Bohny-Reiter "Vorhof der Vernichtung" (1993 franz., 1995 dt. erschienen) wurde verfilmt. Der Dokumentarfilm "Journal de Rivesaltes" wurde mehrmahls ausgezeichnet. Zu den Memoiren gehören auch "Die Kinder von Schloss La Hille" (1992) von Sebastian Steiger u.a.

Die geretteten Kinder von damals begannen sich zu melden. Einige von den Freiwilligen wurden für ihre Zivilcourage in Yad Vashem zu Jerusalem und im Holocaust Memorial Museum in Washington geehrt. Auch in Frankreich wurden sie mehrmals ausgezeichnet. Die ehemaligen spanischen Internierten organisieren internationale Gedenktreffen, die Teilnahme aus Europa und den USA ist überwältigend. Die französischen regionalen Behörden und die Regierungsstellen unterstützen Projekte zum Verarbeitungsprozess der tristen KZ-Geschichte. Ein Netzwerk zu diesem Thema wurde zwischen Frankreich, Spanien und Deutschland gebildet.

Das SRK veranstaltete 1998 eine Konferenz zu dieser Problematik, rehabilitierte die geschädigten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und nimmt teil an der Neubewertung der Rolle des humanitären Schweizer Engagements 1933-1945. Die offiziellen Schweizer Auszeichnungen für die ehemaligen Helferinnen und Helfer blieben jedoch aus.

Die Ausstellung und Vortragsreihe sind ein gemeinsames Projekt der Universitätsbibliothek, des Historischen Seminars und Instituts für jüdische Studien der Universität Basel und des Schweizerischen Roten Kreuzes in Bern.
Konzept und Projektleitung: Dr. Helena Kanyar-Becker

Weitere Informationen sind bei der Koordinatorin der Veranstaltung erhältlich:

Dr. Helena Kanyar Becker
Fachreferentin der Uni-Bibliothek
061 267 31 25
helena.kanyar@unibas.ch

17.10.2003 / ka-cb



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