UB Basel
Archiv Aktuell-Meldungen - 09.08.2004
Humanitäre Schweiz - UB-Ausstellung und Vortragsreihe in Bern

Humanitäre Schweiz - UB-Ausstellung und Vortragsreihe in Bern

Humanitäre Schweiz 1933-1945 - Kinder auf der Flucht
Ausstellung
Kornhausforum Bern
26.8.-30.9.2004

Humanitäre Schweiz : offizielle Flüchtlingspolitik und private Flüchtlingshilfe einst und jetzt
Ausstellung und Vortragsreihe
Universität Bern
29.10.-20.1.2005

Gemeinsames Projekt von:
Collegium generale, Universität Bern
Historisches Institut, Universität Bern
Historisches Seminar, Universität Basel
Institut für Jüdische Studien, Universität Basel
Kornhausforum Bern
Schweizerisches Rotes Kreuz, Bern
Universitätsbibliothek Basel

Die Veranstaltung setzt sich mit der Idee und Realität der Humanitären Schweiz auseinander. Die Flüchtlingshilfe während der Vorkriegs- und Kriegszeit gehört zu den heiss diskutierten Themen. Die Rolle der schweizerischen Hilfswerke und der Einsatz ihrer freiwilligen Mitarbeiter von 1933 bis 1945 wurde jedoch noch nicht ausdiskutiert.

Die Ausstellung würdigt das freiwillige Engagement der Schweizer Frauen, die nach der nationalsozialistischen Machtübernahme das Schweizerische Hilfswerk für Emigrantenkinder (SHEK) gründeten. Sie betreuten Hunderte von jüdischen Flüchtlingskindern, organisierten Geld-, Kleider- und Nahrungsmittelsammlungen. Die berühmten Kinderzüge brachten die erschöpften Flüchtlingskinder zur Erholung in die Schweiz - bleiben durften jedoch nur wenige.

Während des Bürgerkrieges in Spanien half die Ayuda Suiza (Schweizer Hilfe für Spanien) vor allem den bedrohten Kindern. Eine herausragende Rolle spielte dabei der Berner Rodolfo Olgiati, der die Schweizerische Arbeitsgeminschaft für Spanienkinder (SAS) gründete. Er wurde 1940 Zentralsekretär des Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für kriegsgeschädigte Kinder (SAK), später leitete er die Schweizer Spende (1944-1948). Nach Spanien brachten die Schweizerinnen und Schweizer Lebensmittel und Kleider mit, öffneten dort Kantinen, wo sie Kinder und Mütter verpflegten. Mit den Lastwagen Dunant, Pestalozzi, Nansen und Wilson evakuierten sie Flüchtlinge aus den belagerten Orten.

Nach dem Ende des spanischen Bürgerkriegs (1939) verlagerte sich die Schweizer Hilfstätigkeit nach Südfrankreich, wo die spanischen Flüchtlinge interniert wurden. Die SAK leitete dort Maurice Dubois, der Erfahrungen aus Spanien mitbrachte. Etwa 40 junge freiwillige Helferinnen und Helfer aus der Schweiz betreuten Spanier, Juden, Roma und Sinti, Staatenlose und französische politische Häftlinge in den Internierungslagern. Sie eröffneten städtische Verteilszentren, gründeten Kinder- und Mütterheime, wo sie auch Geburtshilfe leisteten – in Elne kamen unter der Obhut von Elsbeth Eidenbenz etwa 1000 Kinder zur Welt.

In den berüchtigten Internierungslagern wie beispielsweise Gurs, Rivesaltes, Récébédou, Vernet bewahrten die Krankenschwestern Friedel Bohny-Reiter, Elsbeth Kaser, Elsa Ruth Kinder und Erwachsene vor dem Hungertod, kleideten sie, unterstüzten sie moralisch und pflegten die Kranken. Sie retteten zahlreiche Juden vor den Transporten in die Nazi-KZs. In den Kinderheimen überlebten Hunderte von spanischen, jüdischen, aber auch französischen Kindern den Krieg. August Bohny, Rosa Naef, Emma Ott und weitere leiteten die Heime in Le Chambon-sur-Lignon, Pringy, La Hille und in anderen Orten. Auch ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (Sebastian Steiger, Heiri Kägi, Anne-Marie Im Hof-Piguet u.a.) bewegten sich stets zwischen der Legalität und Illegalität. Um die Menschen vor der Vichy-Polizei und der Gestapo beschützen zu können, kamen sie mit der Doktrin der Schweizer Neutralität moralisch und praktisch in Koflikt.

Auf Anordnung des Bundesrates übernahm das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) Ende 1941 die Leitung der SAK. Das SRK stellte von da an die Grundlage, auf der Hilfe für Verfolgte weiter geführt werden konnte. Es verlangte indessen von den Helferinnen und Helfern eine strikte "Zurückhaltung". Die Konflikte zwischen der damals unter der Kontrolle der Armee stehenden SRK-Verwaltung und den Freiwilligen endeten oft tragisch. Einige wurden suspendiert, zurück in die Schweiz geschickt, wo sie bestraft wurden, weil sie entgegen ihren Vorschriften Verfolgte über die grüne Grenze in Sicherheit gebracht hatten. Die umstrittene Rolle der SRK, Kinderhilfe die einerseits die Freiwilligen durch ihre Autorität unterstützen konnte, andererseits sie bürokratisch bestrafte, wird in der Ausstellung erörtet. Die Helferinnen und Helfer, die ungewollt Heldenrollen spielten, werden porträtiert. Die Geschichte der Kinder- und Mütterheime sowie der Internierungslager wird dargelegt. Berücksichtigt wird auch die spontane Unterstützung der Schweizer Bevölkerung (Geld-, Kleider-, Nahrungsmittelsammlun-gen).

Die freiwillige Schweizer Hilfe wurde jahrelang totgeschwiegen. Erst während der 90er Jahre begannen die Historikerinnen und Historiker die Problematik der Retter und Geretteten auszuwerten. Das Schweigen der Beteiligten brachen die Erinnerungen von Anne-Marie Im Hof-Piguet Flucht durch die Hintertür (1987) durch. Zu den Memoiren gehören auch Die Kinder von Schloss La Hille (1992) von Sebastian Steiger. Das Tagebuch von Friedel Bohny-Reiter Vorhof der Vernichtung (1993 franz., 1995 dt. erschienen) wurde verfilmt und der Dokumentarfilm Journal de Rivesaltes wurde mehrmahls ausgezeichnet. Die geretteten Kinder von damals begannen sich zu melden. Sechs der damaligen freiwilligen Helferinnen und Helfern wurden für ihre Zivilcourage in Yad Vashem in Jerusalem ausgezeichnet, einige von ihnen auch im Holocaust Memorial Museum in Washington. Mehrmals geehrt wurden sie ebenfalls in Frankreich. Die französischen regionalen Behörden und die Regierungsstellen unterstützen heute Projekte zum Verarbeitungsprozess der tristen KZ-Geschichte. Ein Netzwerk zu diesem Thema wurde zwischen Frankreich, Spanien und Deutschland gebildet. Die ehemaligen spanischen Internierten organisieren internationale Gedenktreffen, die Teilnahme aus Europa und den USA ist überwältigend.

Das SRK veranstaltete 1998 eine Konferenz zu dieser Problematik, rehabilitierte die geschädigten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und nimmt teil an der Neubewertung der Rolle des humanitären Schweizer Engagements 1933-1945. Die offiziellen Schweizer Auszeichnungen für die ehemaligen Helferinnen und Helfer blieben jedoch aus.

Die Ausstellung und der Vortragszyklus Humanitäre Schweiz 1933-1945, Kinder auf der Flucht fanden an der Universität Basel im Wintersemester 2003/2004 in Zusammenarbeit mit der Universitätsbibiothek Basel statt. Da die Veranstaltung positiv aufgenommen wurde, wandert sie nun nach Bern. Die Exposition wird zuerst im Kornhausforum (26.08.-30.09.2004) – gleichzeitig mit der Wanderausstellung L'histoire c'est moi gezeigt. Anschliessend wird sie an der Berner Universität den Vortragszyklus Die Humanitäre Schweiz: offizielle Flüchtlingspolitik und private Flüchtlingshilfe einst und jetzt begleiten (Ausstellung: 29.10.-27.11.2004, Vortragszyklus: 4.11.2004-20.01.2005). Die Vorträge werden vom Collegium generale und dem Historischen Institut der Universität Bern, in Zusammenarbeit mit dem Historischen Seminar und dem Institut für Jüdische Studien der Universität Basel sowie dem Schweizerischen Roten Kreuz Bern präsentiert. In der Zentrale des SRK (Rainmattstrasse 10, 3001 Bern) wird ein Dokumentarfilmzyklus gezeigt (8.11.- 22.11.2004).

Weitere Informationen sind bei der Koordinatorin der Veranstaltung, Frau Dr. Helena Kanyar (Fachreferentin der Universitätsbibliothek Basel), zu beziehen.
helena.kanyar@unibas.ch
Tel. 061 / 267 31 25

09.08.2004 / ka/cb



Archiv Aktuell-Meldungen (vor 2008)

© 1995-2008 Universitätsbibliothek Basel