Meier, Fritz (geb. Basel 10 Juni 1912, gest. Dornach 10. Juni 1998). Schweizer Islamwissenschaftler, bekannt für seine Arbeiten auf dem Gebiet der islamischen Mystik.
Fritz Meier wuchs in Gelterkinden, im Kanton Baselland auf. Er besuchte zunächst die Bezirksschule in Böckten. Dort war es einer seiner Lehrer, der dem 10jährigen von Luthers Bibelübersetzung erzählte und in ihm damit die Liebe zu den Sprachen weckte. Nach der Bezirksschule wechselte Fritz Meier auf das Humanistische Gymnasium nach Basel. 1932 immatrikulierte er sich an der Universität Basel, zunächst für Semitische und Griechische Philologie und Assyriologie, wechselte aber sehr schnell von dieser zur Islamwissenschaft, da er, wie er sagte, ohne Buchkultur nicht sein konnte. Im Wintersemester 1936/37 promovierte er über Die Vita des Scheich Abū Isḥāq al-Kāzarūnī bei seinem hochgeschätzten Lehrer, dem Schweizer Turkologen und Historiker Rudolf Tschudi (1884-1960), der sich ihm stets als hilfsbereiter und grosszügiger Förderer erwies. Tschudi war es, der Fritz Meier 1935 nach Istanbul zu dem deutschen Orientalisten Hellmut Ritter (1892-1971) schickte, wo er an der Erschliessung der arabischen und persischen Handschriften in den dortigen Bibliliotheken mitarbeitete. Die Begegnung mit Ritter wurde für das weitere wissenschaftliche Arbeiten Fritz Meiers ausschlaggebend. Die Hochschätzung der Philologie als unentbehrliche Grundlage aller Beschäftigung mit der anderen Kultur und seine Vorlieben für die islamische Mystik und für die persische Dichtung wurden von Ritter bestärkt und weiter gefördert. Die Istanbuler Handschriftenstudien jener Jahre legten den Grundstein für die Beschäftigung mit den Gestalten und Themen aus der arabischen und persischen Geistesgeschichte, denen Fritz Meier später eine Monographie widmete oder die er in seinen Abhandlungen erörterte. In seinen nachgelassenen wissenschaftlichen Papieren finden sich unter den Notizen und Exzerpten aus jener Zeit, fast alle Namen und Begriffe, denen er sich im Lauf seines Lebens zuwandte (cf. http://www.ub.unibas.ch/spez/meier/).
Das Jahr 1937 führte ihn zum ersten Mal nach Iran, wo er sich vor allem in Teheran, Isfahan und Schiraz aufhielt. 1938 löste Meier eine Preisaufgabe der Universität Basel, als deren Thema er sich ǧad-dīal-Kubrāgewählt hatte, und reiste noch im gleichen Jahr wieder nach Istanbul, um seine Handschriftenstudien über die islamische Mystik fortzusetzen. 1941 habilitierte er sich, noch nicht dreissigjährig, mit einer Arbeit über die persische mittelalterliche Dichterin Mahsatī. Seine Habilitationsvorlesung 1942 mit dem Titel Vom Wesen der islamischen Mystik handelte vom Tagewerk und dem Freizeiterleben des Mystikers, einem bis dahin noch unerforschten Gebiet. 1946 erhielt er seine Ernennung zum ausserordentlichen Professor und folgte im gleichen Jahr einem Ruf an die Universität Farouk in Alexandria als maître de conférences für Persisch, wo er für zwei Jahre persische Sprache und Literatur auf Arabisch unterrichtete. 1949 wurde er als Nachfolger seines Lehrers Rudolf Tschudi zum Ordinarius für orientalische Philologie an der Universität Basel ernannt und blieb dort bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1982. Seine Lehrtätigkeit hat er nur ein einziges Mal unterbrochen, im Jahr 1959, in dem er für neun Monate zu Studien in Iran weilte und eine Reise nach Afghanistan anschloss. 1974 wurde ihm von der Universität Teheran, 1982 von der Universität Freiburg im Breisgau die Ehrendoktorwürde verliehen. Die Deutsche Morgenländische Gesellschaft ernannte ihn 1984 zu ihrem Ehrenmitglied.
Möglichkeiten, in anderen Ländern seine Tätigkeit fortzusetzen, wie z.B. als Nachfolger von Sir Hamilton Gibb in Harvard, schlug er aus. Er zog es vor, in Deutsch zu unterrichten und zu schreiben, in der Sprache, die er mit Meisterschaft beherrschte und die sein geschliffenes Ausdrucksmittel war. Meiers Absicht war nicht die blosse Mitteilung, sondern schön zu schreiben und das Schwierige klar und anschaulich darzulegen, ein Ziel, das er mit höchster Akribie verfolgte, und das ihm nur in dieser Sprache möglich war. Der Niedergang des Deutschen als Wissenschaftssprache bekümmerte ihn in späteren Jahren, denn auch seine Schriften wurden im englisch- und französischsprachigen Raum immer weniger zur Kenntnis genommen. Um diesem entgegenzutreten, nahm es sein Schüler Bernd Radtke in die Hand, 15 repräsentative Artikel auf Englisch herauszugeben (Fritz Meier: Essays on Islamic Piety and Mysticism, transl. J. O´Kane, Leiden et al. 1999). Zuvor waren auf Englisch schon die ersten Vorträge erschienen, die Meier im Rahmen der Eranostagungen in Ascona gehalten hatte: The Mystery of the Ka‘ba. Symbol and Reality in Islamic Mysticism (1945), The Spiritual Man in the Persian Poet ‘Aṭṭār (1946) und The Problem of Nature in the Esocteric Monism of Islam (1947) und ein Artikel, der sich grosser Bekanntheit erfreute: The Mystic Path (1976). Für die weiteren Artikel, die in englischer Sprache erschienen sind cf. das Verzeichnis seiner Schriften.
Die Islamwissenschaft war das eigentliche Arbeitsgebiet Fritz Meiers. Er vertrat sie in einer Weise, die es heute so nicht mehr gibt. Sie umfasste bei ihm die arabische und die persische Philologie, beide Sprachen betrieb er gleichwertig und beherrschte sie gleichermassen vorzüglich in Wort und Schrift. Hinzu kamen bei ihm die Kultur-, vor allem die Religionsgeschichte des Islams und darin insbesondere die islamische Mystik. Eines der Hauptziele Fritz Meiers war es, die geschichtliche Forschung mit dem Verständnis und der Erforschung des menschlichen Phänomens zu verbinden. Und sein Hauptinteresse, dem er sein Leben lang nachging, war es, dem Wesen der Religion nachzuspüren.
Fritz Meier näherte sich seinen Gegenständen behutsam, das Einzelne, das Besondere und das Vielschichtige fesselten seine Aufmerksamkeit. Einem allgemeinen Überblick über grosse Kulturkomplexe oder über ein grösseres Gebiet seines Faches – auch dem der Mystik – hat er sich immer versagt, er sah noch zu viel unbearbeiteten Stoff vor sich, und ihn lockte, wie er es ausdrückte, “die Horizontüberschreitung durch Einzelforschung”.
Werke
Vier seiner grossen Monographien befassen sich mit ganz unterschiedlichen persischen Mystikern des islamischen Mittelalters, die ein eindrucksvolles Bild der Mannigfaltigkeit der Sufik geben.
Sein erstes Buch ist dem Ordensgründer Abū Isḥāq al-Kāzarūnī (gest. 426/1035) gewidmet (Die Vita des Scheich Abū Isḥāq al-Kāzarūnī 1948, Einleitung übersetzt ins Persische 1959?). Es ist eine Edition von Firdaws ul-muršidiyya, der persischen Bearbeitung einer ursprünglich arabischen Vita des Scheichs von Maḥmūd b. ‘Uṯmān mit einer ausführlichen deutschen Einleitung, die die religiösen Vorstellungen und das Wirken Kāzarūnīs aufzeigt und sich kritisch mit den Quellen auseinandersetzt.
Auch Meiers zweite Schrift ist eine Edition mit einer umfangreichen Analyse des Textes, Die Fawā’iḥ al-Ğamāl wa-Fawātiḥ al-Ğalāl des Naǧm ad-Dīn al-Kubrā (1957). Kubrā (gest. 618/1221) ist ein visionärer Scheich, der in seiner Schrift die auditiven und visuellen inneren Erscheinungen des Mystikers in einer bis dahin nicht gekannten Weise schildert. Meier schrieb in seiner Einleitung die Biographie Kubrās neu und hat die Eigenart und das Einmalige dieser Persönlichkeit und ihrer Mystik im Vergleich mit der herkömmlichen Sufik festgehalten. Die dritte Monographie wendet sich einer ganz anderen Gestalt zu, die eine Sonderstellung unter den Mystikern einnimmt: Abū Sa‘īd-i Abī l-Ḫayr (gest. 10440/1049) (Abū Sa‘īd-i Abū l-Ḥayr. Wirklichkeit und Legende 1976, übersetzt ins Persische, Teheran 1378) aus Mēhana. Abū Sa‘īd ist ein die Heiterkeit und die Fröhlichkeit in Gott (in deo) vertretender Mystiker, der durch das Gefühl der Nähe zu Gott, im Diesseits die gleiche Freude voraus nimmt, die er dereinst im jenseitigen Leben finden wird. Zu den Mitteln, die Abū Sa‘īd zu Gebote stehen, um sich diese heitere Stimmung zu erhalten, gehören nicht nur Dichtung, Musik und Tanz, sondern auch eine menschenfreundliche Haltung und seine Leibesfülle. Seiner Familie und der Gruppe, die sich um den sayḫ gebildet hatte, sowie den Nachfolgern widmet Meier mehrere Kapitel. Ein Anhang beschreibt die Fröhlichkeit bei späteren Mystikern bis ins 19. Jh.
Das letzte dieser Werke ist Bahā’-i Walad. Grundzüge seines Lebens und seiner Mystik (1989, übersetzt ins Persische 1382). Bahā’-i Walad (gest. 628/1231), der Vater Ğalāl ud-dīn-i Rūmīs, hat Aufzeichnungen (Ma‘ārif) hinterlassen, eine Art Tagebuchblätter, die seine seelischen Erfahrungen mit ungekannter Offenheit schildern, und in denen er dem Lustgefühl maza bei den religiösen Erfahrungen eine besondere Stellung zukommen lässt. Es ist die Lust, die aus dem Streben nach Gott, aus der ma‘iyyat, dem Dabeisein (Gottes beim Menschen) erwächst, aber auch aus der Erfüllung der rituellen Pflichten und aus den geistigen Wahrheiten (ma‘ānī). Frömmigkeit und religiöse Gefühle sind für Bahā nicht nur den Menschen vorbehalten, sondern erstrecken sich auch auf die Materie. Er sucht Gott in und hinter der Materie gleichermassen zu erspüren. Meier hat ein minutiöses Bild der geistigen Gestalt Bahās gezeichnet und die Eigenart seiner Gedankenwelt hervorgehoben. Auf der Grundlage der Ma‘ārif und mit Hilfe der hagiographischen Quellen hat er auch den Lebensweg Bahās, seine Lebensverhältnisse und seine Auswanderung von Waḫš über Samarqand und Balḫ bis nach Kleinasien nachgezeichnet.
Drei dieser vier Mystiker, nämlich Kāzarūni, Kubrā und Bahā-i Walad wurden von Meier für die islamische Religionsgeschichte neu erschlossen. Abū Sa‘īd war kein Unbekannter mehr, schon Reynold Alleyne Nicholson hat ihm 1921 in seinen Studies in Islamic Mysticism eine Monographie gewidmet.
Meier setzte alles daran mit Hilfe der literarischen Quellen, diese Persönlichkeiten anschaubar und begreiflich zu machen, ein „Gesamtbild ihres Seelengewebes“ erscheinen zu lassen, und sie darüber hinaus auch in ihrem historischen und geistesgeschichtlichen Kontext zu zeigen. Die Kunst bestand für ihn darin, in die Personen “hineinzukriechen” und doch draussen zu bleiben, um mit Distanziertheit seinen Forschungsgegenstand zu beschreiben. Dieses Kunststück des dedans et dehors ist ihm in bewundernswerter Weise gelungen.
Das letzte Buch, das sich mit mystischen Fragen befasst, Zwei Abhandlungen über die Naqšbandiyya (1994), widmet sich der Lehre und den Praktiken dieses Ordens, vor allem der besonders engen Beziehung zwischen Meister und Schüler. Bis in die heutige Zeit ist dieses Phänomen ungebrochen bei der zahlreichen Anhängerschaft der Naqšbandiyya lebendig und übt seine Wirkung aus. Der erste Teil befasst sich mit der rābiṭa, der „Herzensbindung an den Meister“. Es handelt sich um die Konzentration des Schülers auf die Person seines Meisters, eine Praktik, die ein Charakteristikum dieses Ordens darstellt. Diese Praktik ist keine Erfindung der Naqšbandiyya, sondern fand, wie Meier ausführt, auch bei anderen Mystikern und ihren Anhängern Anwendung, z.B. bei ‘Abdalqādir al-Ğilānī, bei Kubrā oder Naǧmuddīn-i Dāya oder Abū Hafṣ as-Suhrawardī. Der Naqšbandī-šayḫ ist für seinen Schüler der Ort, an dem für ihn Gott erscheint (maẓhar). Nur durch ihn und über ihn kommt das Gelangen zu Gott. Der zweite Teil behandelt den taṣarruf, das übernatürliche Einwirken des šayḫs auf die Seele oder das Innere seiner Schüler oder anderer Menschen.
Diese Werke Meiers sind für die Erforschung der Entwicklungsgeschichte der Mystik und für ihre Erscheinungsformen von grösster Bedeutung. Darüber hinaus haben sie und die Artikel, die sich mit sufischen Gegenständen befassen, durch Meiers Bemühen, die treffendsten deutschen Wörter für die entsprechenden arabischen und persischen Begriffe zu finden, dem deutschsprachigen Forscher eine reiche Terminologie für diesen Bereich der Islamwissenschaft an die Hand gegeben. Jeder, der sich mit Sufik beschäftigt, verdankt der Meierschen Übersetzungskunst, wie vor ihm der Ritterschen, ein hervorragendes Hilfsmittel.
In ein anderes bevorzugte Gebiet von Meiers Schaffen, die persische Dichtung, gehört ein weiteres grosses Buch: Die Schöne Mahsatī (1963), seine Habilitationsschrift. Meier hat nicht nur die weit verstreuten Vierzeiler, rubā‘iyāt, dieser mittelalterlichen persischen Dichterin aus Ganǧa gesammelt und übersetzt, sondern auch eine Geschichte des Vierzeilers geschrieben und die ältesten persischen Dichterinnen vorgestellt. Dieses Buch setzte Massstäbe für die Interpretation persischer Dichtung, ihrer Rhetorik und für die Erforschung der Motive. Meiers bewundernswerte Belesenheit und seine Vertrautheit mit der persischen, arabischen und türkischen Sekundärliteratur, auch heute keine Selbstverständlichkeit in der Islamwissenschaft, wird in diesem Werk sehr deutlich offenbar.
Den fast fertig gestellten zweiten Band, der Volksroman über Mahsatī und Amīr Aḥmad, legte er zur Seite, als eine weitere Handschrift bekannt wurde, die eine abweichende Version der Geschichte bot und damit die Überarbeitung des ganzen Manuskriptes erforderte. Dieser Roman wird jetzt, 40 Jahre nach dem Erscheinen des ersten Bandes, aus dem Nachlass von Gudrun Schubert und Renate Würsch veröffentlicht werden. In einer beeindruckenden Zahl von kleineren Arbeiten, die nicht selten monographischen Charakter haben, hat Fritz Meier eine Vielfalt von Themen ausgebreitet: verschiedenste Formen der Mystik, die Handschriftenstudien aus Istanbul, die Arbeiten zur Religionswissenschaft, zur Volkskunde, die ihm besonders am Herzen lag, zur persischen und zur arabischen Sprache und zur Beziehung zwischen dem Orient und der europäischen Geistesgeschichte. Anlässlich seines 80. Geburtstages wurde eine Reihe dieser Artikel in zwei Bänden neu herausgegeben, mit Nachträgen des Verfassers und mit einem Indexband versehen (Bausteine 1992).
Diese Sammlung gibt nicht nur Zeugnis von Meiers höchst unterschiedlichen Forschungsgegenständen, sondern zeigt auch, dass er sich geographisch in so weit auseinander liegenden Gebieten wie Ḫurasān und Marokko bewegte, wobei das Interesse am Westen ihm erst in späteren Jahren erwuchs.
Einige Beispiele aus der Fülle der Themen seien hier angeführt. Die Darstellung folgt der von Meier selbst gewählten Einordnung:
1. Sufik
Auch in seinen kleineren Schriften hat uns Fritz Meier neue Texte für die islamische Mystik erschlossen, so z.B. in seinem ersten Artikel: Stambuler Handschriften dreier persischer Mystiker: ‘Ain al-quḍāt al-Hamadānī, Naǧm ad-dīn al-Kubrā, Naǧm ad-dīn ad-Dāja (1937). Ein Knigge für Sufi’s (1957) machte die Ādāb ul-murīdīn bekannt, deren Verfasserschaft Meier Kubrā zuschrieb. Sie und Qušayrīs Tartīb as-sulūk (1963) sind beides Richtlinien für den sufischen Weg. Kubrās Schrift ist eine Anleitung für das richtige äussere Verhalten des Sufi im Umgang mit seinen Mitmenschen, während sich Qušayrī mit den inneren Erlebnissen des Sufi beschäftigt.
Einige Abhandlungen sind biographische und quellenkundliche Arbeiten, wie Meier sie in seinen Monographien zum Ausgangspunkt seiner Beschäftigung nahm z.B. Zur Biographie Aḥmad-i Ğām’s und zur Quellenkunde von Ğāmī’s Nafaḥāt ul-uns (1943), Die Schriften des ‘Azīz-i Nasafī (1953), Ein wichtiger Handschriftenfund zur Sufik (1967), eine ausführliche Beschreibung einer arabischen Sammelhandschrift aus dem Ḫānqāh-i Aḥmadī in Schiraz (mit einer Kurzbeschreibung hatte Īraǧ Afšār dieses Manuskript bekannt gemacht, Yaǧmā 18, 1344/1965). Ein Text aus dieser Handschrift, Adab ul-mulūk, wurde in der Zwischenzeit von Bernd Radtke ediert (19..) und von Richard Gramlich ins Deutsche übersetzt (19..). Zu diesen Arbeiten gehört ebenfalls Der unbekannte Schriftsteller Muwaffaq al-Ḫāṣī (1989).
Ein briefwechsel zwischen Šaraf ud-dīn-i-Balḫī und Maǧd ud-dīn-i Baġdādī (1977) ist ein Austausch von Briefen zwischen Meister und Schüler um 1200, in dem der Scheich die visionären Erlebnisse und Träume des Schülers deutet.
Ṭāhir aṣ-Šafadīs vergessene schrift über westliche heilige des 6./12. jahrhunderts (1984) stellt eine bis dahin noch nicht bekannte Quelle über westliche Heilige vor . Diese beiden Werke sollen stellvertretend die erwähnte Brücke zwischen dem islamischen Osten und Westen markieren.
Für die Erforschung der inneren Entwicklung der Sufik sei noch eine Abhandlung genannt: Ḫurasān und das ende der klassischen ṣūfik (1971), eine Schrift, in der Meier den Wandel des Verhältnisses von šayḫ und murīd von der Lehre (ta‘līm) hin zur Erziehung (tarbiya) bestimmte.
2. Volkskunde
Für dieses Gebiet seien Das Volk der Riemenbeinler (1967) genannt und Drei moderne persische Texte zum „Wettreden“ mit Anmerkungen von Richard Gramlich (1964). Die Riemenbeinler, duwāl-pāy, eine mirabilia-Vorstellung, die schon Griechen und Römer kannten, sind mit dem Alexanderroman nach Iran gewandert. Die „Wettreden“, die Übersetzung einer Arbeit von Muḥammad Ğa‘far-i Maḥǧūb aus der Zeitschrift Suḫan und Auszüge aus zwei weiteren Artikeln dokumentieren die volkstümliche Veranstaltung einer besonderen Gilde, der Vertreter verschiedenster Berufe angehören. In einem Kaffeehaus pflegte man vor dem Publikum mit einem anderen Mitglied der Gilde in einen Redewettkampf zu treten.
Einen mehrmonatigen Aufenthalt in Iran im Jahr 1959, nutzte Fritz Meier für Handschriftenstudien über volkskundliche Themen und suchte vor allem Material für seine Studien über die ǧinn. Orientalische belege für das Motiv „nur einmal zuschlagen“ (1974) und Ein arabischer „bet-ruf“ (1981) handeln z.B. vom Umgang mit den ǧinn. In Meiers Nachlass befinden sich umfangreiche und ausführliche Materialien zu einer Dämonologie des Islams (cf. http://www.ub.unibas.ch/spez/meier/).
3. Religiöse Fragen und Parteien
Ein profetenwort gegen die totenbeweinung (1973). Gegenstand dieser Untersuchung ist der in den Traditionen der Sunna in mehreren Varianten überlieferte Satz, dass der Tote für das Weinen der Angehörigen über ihn zu büssen habe. Meier fächert die Bedeutung des Wortes yu’aḏḏabu bi- auf und führt die Aussagen der Theologen dazu an. Die Verfolgung des Motivs durch die verschiedensten Religionsgemeinschaften vom alten Iran bis nach Schottland beschliesst die Studie.
Das sauberste über die vorbestimmung. Ein stück Ibn Taymiyya (1981). Ibn Taymiyyas Lehre der göttlichen Vorbestimmung wird mit Ausführungen zu den beiden Willen Gottes, des Seinswillens (irāda al-kawniyya) und des Befehlswillens (irāda ad-dīniyya aš-šar‘iyya), zwischen denen der Gläubige leben muss, dargelegt. Damit einher gehen zwei wesentliche Kritikpunkte, die Ibn Taymiyya (gest. 1328) an den ṣūfiyya übte, die Überbewertung des Erlebnisses und des Ausnahmezustandes und ihr Mangel an Pflichtgefühl. Die ṣūfiyya bevorzugten den göttlichen Seinswillen und vergässen darüber seinen Befehlswillen. Der Muslim hat nach Ibn Taymiyya sowohl die göttliche Bestimmung, die hinter allem steht, anzuerkennen, wie auch den göttlichen Befehl, den er befolgen muss.
Almoraviden und marabute (1983) handelt in einem ersten Abschnitt von den ribāṭāt als Wehranlage gegen den christlichen Feind, die oft unter der Aufsicht eines Frommen standen. Kennzeichnend für diese Einrichtungen waren eine Mischung aus „Kampfgeist und frommer Denkungsart und Gelehrsamkeit“. Ribāṭ und murābaṭa, so Meiers Schlussfolgerung, stehen zwischen Gottesdienst (‘ibāda) und Krieg (ǧihād). Der Begriff murābiṭ wird im nächsten Abschnitt mit all seinen Varianten durch die Jahrhunderte mit zahlreichen Beispielen aus der Geschichte belegt, abgehandelt . Die Entwicklung geht von den kriegerischen Wehranlagen zu unkriegerischen rawābiṭ, meist zāwiya (zawāyā), bis hin zum europäsischen Marabut, ein Wort, das sowohl Heiliger als auch Heiligengrab bedeuten kann. Der dritte Abschnitt befasst sich mit den Anfängen der almoravidischen Bewegung, bei welcher der zum Eigennamen gewordene murābīṭ nun gleichbedeutend wird mit muǧāhid, Ein letzter Abschnitt über Mundverschleierer und mundverschleierte beschliesst diesen umfangreichen Artikel. Meier geht den Gründen der Männerverschleierung der Almoraviden nach, der für sie so typisch war, dass ihre Rivalen, die Almohaden, diese Praxis verpönten. Die Verschleierung wird als Abwehr- oder Schutzmassnahme verstanden, sei es gegen magische oder physische Schädigungen.
Dieser Artikel steht für den Bereich des islamischen Westens, den sich Meier erst in späteren Jahren durch seine Studien zum Nachleben und zur Verehrung des Propheten in seiner Gemeinde neu erschloss. Aus diesem Vorhaben entstand Die segenssprechung über Mohammed im bittgebet und in der bitte (1986). Diese Abhandlung stellt das Bittgebet, eingebettet in die Segenssprechung über den Propheten, die taṣliya, als wichtigen Bestandteil des religiösen Lebens der Muslime vor. Die Segenssprechung ist ein wichtiges Mittel, um die wirksame Hilfe des Propheten zu erlangen. Sie ist neben dem Ausdruck der Dankbarkeit für die Wohltaten, die der Gläubige vom Propheten empfangen hat auch eine Vorleistung für die Fürbitte, die man sich am Jüngsten Tag erhofft.
Die grosse Arbeit über den Propheten blieb Fragment und erscheint jetzt in zwei Bänden in der Reihe Fritz Meier: Nachgelassene Schriften, hrsg. von Gudrun Schubert, Band 1: Bemerkungen zur Prophetenverehrung, Teil 1: Die Segenssprechung über den Propheten, hrsg. von Bernd Radtke und Gudrun Schubert (Leiden 2002). Der zweite Teil, der sich mit der Rolle der taṣliya in der Sufik befasst, ist in Vorbereitung.
4. Literatur und Sprache
Turandot in Persien (1941) ist der früheste Artikel, der sich mit einem literarischen Motiv befasst. Die Entwicklung der Turandot-Geschichte, Vorlage für Puccinis Oper, für Gozzis und Schillers Schauspiel, verfolgt Meier von der frühesten persischen Turandot-Geschichte in Niẓāmī’s Haft paykar (verfasst 1197) und der ersten Prosaversion aus dem 13. Jh. in ‘Awfī’s Ğawāmi‘ ul-ḥikāyāt über ein halbes Jahrtausend hinweg bis zur Fassung der Mille et un Jour von Pétis de la Croix (hrsg. 1710).
In diesen Abschnitt gehören auch zwei Arbeiten, die als Beispiel für die Beschäftigung mit der Beziehung zwischen Orient und der europäischen Geistesgeschichte gelten: Zwei islamische Lehrerzählungen bei Tolstoj? (1958) und Zweite „Rettung des Cardanus“ (1984). Bei Tolstoj fand das Motiv, die Wallfahrt nach Mekka und ‘Arafa durch sozial-ethisches Verhalten zu ersetzen, Eingang in die Volkserzählung von „den beiden Alten“. Bei der zweiten, aus dem gleichen Jahr 1885 stammenden Volkserzählung „Der Teufel ist zähe, aber Gott ist stärker“ weist Meier den Zusammenhang mit einer Geschichte bei Ğāhiẓ nach.
Hieronymus Cardanus (1501-1576), der Universalgelehrte aus Mailand hat in seinem Buch De subtilitate die Religionen der Mittelmeerwelt (Götzenanbeter, Juden, Christen, Muslime) vorgestellt, indem er den einen Argumente gegen die anderen in den Mund legt, so u.a. den Christen gegen die Juden und die Muslime. Anlass für Meiers erneute „Rettung“ ist die erste Rettung durch Gotthold Ephraim Lessing (1721-1781), der sich gegen Scaligers (gest. 158) Kritik an Cardanus5 wandte. Stein des Anstosses für Meier ist, dass Lessing den Satz, „Gott und die Engel beteten für den Mahomet“ als abgeschmackte Beschuldigung betrachtet. Hier haben wir es mit Sure 33,56 zu tun, eine taṣliya, wie sie schon zuvor Erwähnung fand.
Die Anfänge arabischer Logopädie (1991) befassen sich mit Aussprachefehlern von einzelnen Sprechern, mit den verschiedenen Arten des Stotterns z.B. oder dem schwierigen Zungen-r, von dem die Sprecher auf Buchstaben wie ġ, ḏ oder ẓ auswichen. Der älteste Meier literarisch bekannte Beleg einer logopädischen Untersuchung und Behandlung eines Kindes bei den Arabern stammt aus dem 3./9. Jh.
Wieder abgedruckt wurde in den Bausteinen auch der für die Iranistik so bedeutsame Artikel Aussprachefragen des älteren neupersisch (1981) und neu mit einem ausführlichen Index versehen. In 5 Teilen sind sprachwissenschaftliche Erkenntnisse zusammengefasst, gewonnen aus Meiers umfangreicher Lektüre persischer Texte des Mittelalters, ein unerlässliches Nachschlagewerk für jeden, der sich mit der persischen Literatur aus jener Zeit befasst.
Meiers Artikel sind wie seine Bücher grundlegend und bieten mit ihrem reichen Material Anregungen für zahlreiche neue Arbeiten. Eine fertige Arbeit liess Fritz Meier immer lange liegen und liess viel Zeit verstreichen, so dass die Probleme der Arbeit unterschwellig weiterwirken konnten. Unablässig setzte er seine Lektüre fort, fand dabei immer wieder neue Antworten und die Belegstellen wuchsen an. Seine Fussnotenapparate, die unschätzbares Material für eine weitere Beschäftigung bergen, sind Zeugnisse dieses Vorgehens. Gab er die Arbeit aus der Hand und zum Druck, hatte er stets das Gefühl, er hätte es noch besser oder gar anders machen können, nie gab er sich zufrieden mit dem Erreichten, und der Text wurde auch noch in den Druckfahnen, solange es nur irgend möglich war, Veränderungen unterzogen. Nachlesen, Nachbemerkungen oder Verbesserungen gibt es zu nicht wenigen seiner Schriften. Auch in den Bausteinen, in denen 34 seiner Artikel versammelt sind, haben die meisten Artikel einen Nachtrag des Verfassers, Zeichen dafür, dass er einmal Gedrucktes nicht einfach beiseite legte.