Schwieriger Dialog zwischen Archiven und Geschichte - erfolgreicher Vortrag von Martin Lengwiler im SWA

Martin Lengwiler (oben) referierte vor einem zahlreichen Publikum

Der Fussball machte an diesem Abend Pause (eine Trophäe der Alusuisse-Fussballmannschaft)

"Wirtschaftsgeschichte und Wirtschaftsarchive - Szenen einer Beziehung": Unter diesem Titel bestritt Prof. Dr. Martin Lengweiler (Universität Basel) den diesjährigen Vortrag der Stiftung zur Förderung des Schweizerischen Wirtschaftsarchivs (SWA) am 23. Juni 2016 in Basel.
Der Vortrag wurde ermöglicht durch die Stiftung zur Förderung des Schweizerischen Wirtschaftsarchivs und durch Alcan Holdings Switzerland.

Reflexionen zum Alusuisse-Archiv

Anlass war die Übernahme des Archivs der Alusuisse durch das SWA - der Abschluss dieses Projekts wurde am gleichen Abend begangen. Zahlreiche Alusuisse-Ehemalige, HistorikerInnen, ArchivarInnen und Geschichtsinteressierte widerstanden den Verlockungen des raren Sommerwetters. Der Abend bot Gelegenheit für zahlreiche interessante Gespräche vor dem Referat und am anschliessenden Apero.
Der Vortrag von Martin Lengwiler drehte sich dann genau um das Gespräch zwischen den Archiven und der Geschichte, oder genauer: zwischen den ArchivarInnen und den Archivnutzern.
Lengwiler unterschied im 20. Jahrhundert drei Phasen der Wechselwirkung zwischen Archiv und Geschichte.

Drei Phasen einer Beziehung

Die erste Phase von ca. 1900 bis in die 1970er Jahre sei geprägt gewesen von der "Hegemonie" der Geschichte über die (Wirtschafts-)Archive: Die Archivare (in der Regel männlich) waren ausgebildete Historiker, die Archivwissenschaft galt als historische Hilfswissenschaft, und die Wirtschaftsgeschichte wie auch das Wirtschaftsarchivwesen waren keine eigenständigen Disziplinen.

In einer zweiten Phase der "Symbiose" - ungefähr ab den 1980er Jahren - erfolgte historiografisch wie archivwissenschaftlich die "Entdeckung des Unternehmens". Die Unternehmensgeschichte nahm einen Aufschwung (auch im Zuge der Vergangenheitsbewältigung zum Zweiten Weltkrieg), und verschiedene wichtige Firmenarchive entstanden (zurecht wurde in der Diskussion eingeworfen, dass wichtige Firmenarchive etwa der Chemie- oder Metallindustrie schon früher entstanden sind).

In der dritten Phase ab ungefähr der Jahrtausendwende bettete die historische Forschung die Unternehmen (wieder) stärker in die allgemeine Wirtschaftsgeschichte ein; Archivbestände von Unternehmen sind für viele Forschungsthemen nur noch eine von mehreren Quellen; die Forschenden kommen oft erst auf Umwegen ins Wirtschaftsarchiv.
In der gleichen Zeit wurde das Wirtschaftsarchivwesen professionialisiert. Die Archivare gingen bei der Bewertung und Übernahme von Archivbeständen immer methodischer vor, dabei waren aber die unmittelbaren Bedürfnisse der historischen Forschung auch nur eines von mehreren Kriterien der Überlieferungsbildung.
Somit bewegten sich die Diskurse der HistorikerInnen und ArchivarInnen auseinander. Mit "schwieriges Gespräch" umschrieb daher Lengwiler diese Phase.

Wünsche für die Zukunft

Für die Zukunft - eine vierte Zeitperiode - postulierte Lengwiler einen intensiveren Dialog unter Gleichberechtigten. ArchivarInnen und HistorikerInnen sollten sich stärker über die Kriterien der Überlieferungsbildung austauschen. Ganz konkret wünschte sich Lengwiler zum Beispiel ein stärkeres Engagement der Archive im Bereich der Sicherung von KMU-Archiven - denn die KMU bilden bekanntlich zahlenmässig das Rückgrat der Schweizer Wirtschaft.

27.06.2016 / Martin Lüpold