Rekatalogisierung der Sammlung Leichenreden

Die Sammlung der Leichenreden im Staatsarchiv war bisher nur zu einem kleinen Teil im Bibliothekskatalog IDS Basel Bern erfasst. In einem Rekatalogisierungsprojekt konnten nun durch die Universitätsbibliothek 5689 Aufnahmen entweder neu erstellt oder an vorhandene Aufnahmen angehängt werden. Die hohe Quote von rund 85 Prozent Neuaufnahmen verweist auf die substantielle Erweiterung des Gesamtkatalogs durch die Sammlung der Leichenreden in der Bibliothek des Staatsarchivs.

Zeitlich reicht die Sammlung vom 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Der Schwerpunkt liegt allerdings im 18. bis 20. Jahrhundert. Vor allem im 19. Jahrhundert erfreute sich die Tradition der Leichenrede einer weiten Verbreitung im reformierten Bürgertum der Stadt Basel. Leichenreden enthalten autobiographische Personalien und ab dem 19. Jahrhundert zunehmend einen autobiographischen Lebenslauf. Nicht selten ist auch die Predigt des Pfarres aufgenommen, der die Abdankung durchgeführt hat. Männer wie Frauen sind gleichermassen vertreten, was die Leichenreden zu einer herausragenden Quellengattung zur Geschichte der reformierten Oberschicht der Stadt macht.

Im 19. Jahrhundert tauchen zudem vermehrt Exponenten des neuen Bildungsbürgertums, nicht selten Neubürger, auf, die in die städtische Oberschicht eingeheiratet hatten oder ihr nahe standen. Da Leichenreden an Schriftlichkeit und ausreichende finanzielle Mitteln geknüpft sind, fehlen weitgehend Menschen der städtischen Unter- und Mittelschichten. Gleiches gilt für die ab Mitte des 19. Jahrhunderts stark zunehmende Zahl von Katholiken. Die Leichenreden spiegeln in Inhalt und Duktus daher neben dem Schicksal der einzelnen Person auch die Entwicklung des reformierten Glaubens in Basel wider. Im Zentrum stand das gottgefällige Leben in Bescheidenheit, allgemeiner Wohltätigkeit und privater Wohlstandsmehrung, ein besonderer Zug des Basler Bürgertums.

19.11.2010 / H. Wichers (Staatsarchiv Basel Stadt)