ABB - Fusionen, Joint Ventures, Verkäufe

Letztes Jahr wurde bekannt, dass der japanische Hitachi-Konzern einen Teil von ABB übernimmt. Es war dies nicht der erste Verkauf von einstigen ABB-Kerngeschäften. Man hat längst ein wenig den Überblick verloren über die verschiedenen Transaktionen rund um ABB, an denen auch Konzerne wie Alstom, General Electric oder Ansaldo beteiligt waren. Es folgt ein kleiner Überblick über einige Irrungen und Wirrungen der Wirtschaftsgeschichte, illustriert durch im Schweizerischen Wirtschaftsarchiv (SWA) gesammelte Geschäftsberichte (Covers als PDF).

Ein Konzern wird gross und teilt sich wieder auf

1988 fusionierten bekanntlich die Traditionskonzerne Brown Boveri Cie. (BBC) aus der Schweiz und Asea aus Schweden zu ABB. Beide Konzerne waren in einer Vielzahl von Geschäftsfeldern aktiv: Sie bauten Turbinen und Kraftwerke (Stromerzeugung), Stromleitungen und Transformatoren (Stromübertragung), aber auch Eisenbahnantriebe und Industrieroboter (Verkehr und Industrietechnik).

Der breit aufgestellte neue Riesenkonzern ABB schlitterte bald in grosse Probleme technischer, organisatorischer und finanzieller Art. Fehler und Fehleinschätzungen des Managements trafen auf ein schwieriges gesamtwirtschaftliches Umfeld in einer Zeit rapiden technologischen Wandels.

Bahnverkehr

Die Bahnverkehrssparte passte nicht mehr in den Konzern und wurde ausgegliedert: Die Aktivitäten wurden 1995/1996 in ein Joint Venture mit Daimler Benz namens Adtranz ausgelagert und 1998 ganz an Daimler Benz verkauft (das Geschäft wanderte später weiter zu Bombardier).

Stromerzeugung

Die Sparte Stromerzeugung wurde wegen grossen Schwierigkeiten bei der Entwicklung einer neuen Gasturbine zum Sorgenkind. Dies notabene in einer finanziell schwierigen Zeit, als das Management mit vielen anderen Baustellen belastet war. Die Geschichte wiederholte sich: 1999 wurde die Stromerzeugung in ein Joint Venture namens ABB Alstom Power ausgelagert, das 2000 ganz von Alstom übernommen wurde.

Inzwischen kämpfte Alstom selber mit Problemen. 2014/2015 verkauften die Franzosen ihr Energiegeschäft an die amerikanische General Electric (aktuell wird diskutiert, das Transportgeschäft von Alstom mit jenem von Siemens zusammenzulegen). Da GE (nicht zu verwechseln mit der britischen GEC) ebenfalls in Probleme geriet, mussten 2018 auch in der Schweiz Stellen abgebaut und der kleine Standort Oberentfelden geschlossen werden.

Wegen Auflagen der Kartellbehörden musste im Zuge des Alstom-GE-Deals die Sparte Hochleistungs-Gasturbinen an die italienische Firma Ansaldo Energia verkauft werden.

Stromnetze

Noch immer war der ABB-Konzern, vor allem in den Augen aktivistischer Investoren, letztlich aber auch des Managements, zu gross. So wurde 2018 der Verkauf der Sparte Stromnetze an Hitachi beschlossen. Dies betrifft zahlreiche Beschäftigte im Aargau, u.a. auch bei ABB Semiconductor in Lenzburg.

Was bleibt?

Ab 2019 besteht ABB aus den Sparten Elektrifizierungsprodukte (diese wurde 2017/2018 durch die Übernahme der entsprechenden Aktivitäten von GE Industrial Solutions verstärkt), Industrieautomation sowie Robotik und Antriebe.

ABB, GE, Ansaldo und Hitachi bleiben bis auf weiteres wichtige Arbeitgeber in der Schweiz.

Die gezeigten Jahresberichte (Covers, PDF) zeugen nicht nur von grossen industriellen Traditionen, sondern auch von starkem Fortschrittsglauben bei den beteiligten Firmen.

03.01.2019 / Martin Lüpold