Der Verkauf von Syngenta an ChemChina – Vortrag von Christoph Mäder im SWA

Zum Thema "Der Verkauf von Syngenta an ChemChina – eine wirtschaftspolitische Beurteilung" referierte Christoph Mäder am 21. November 2019 im Schweizerischen Wirtschaftsarchiv in Basel.

Als Jurist und ehemaliges Mitglied der Konzernleitung von Syngenta erlebte Mäder den Verkauf des Basler Unternehmens an den chinesischen Staatskonzern hautnah mit.

Monsanto oder ChemChina?

Christoph Mäder zeigte auf, dass der Verkauf von Syngenta an ChemChina für 43 Mrd. Dollar im Jahr 2016 nicht aus heiterem Himmel gekommen war. Die Vorgeschichte führte Mäder auf das Jahr 2008 zurück: Dieses Rekordjahr löste bei den Herstellern von Saatgut und Agrarchemie eine Investitionseuphorie aus.

Nach der Finanzkrise zeigten sich ab 2010 Überkapazitäten. Eine Konsolidierung des Sektors begann. Der US-Konkurrent Monsanto versuchte, Syngenta zu übernehmen. Finanziell war das Angebot gut, den Aktionären wurde eine saftige Prämie geboten. Aber Syngenta blieb skeptisch: Man befürchtete strenge Auflagen der Wettbewerbsbehörden; ausserdem war klar, dass am Standort Schweiz ein Kahlschlag durchgeführt würde.

Versorgungssicherheit als strategisches Ziel

Nach dem Scheitern des amerikanischen Übernahmeversuchs verlangten die Syngenta-Aktionäre Ersatz für die entgangene Prämie. Das war der Moment, als ChemChina sich näherte. Der 2004 gegründete Chemiekonzern hatte in Europa schon verschiedene Übernahmen getätigt.

Wieso interessierte sich ChemChina für Syngenta? Die Einsichten und Vermutungen von Christoph Mäder deuten in eine klare Richtung: China versucht strategisch, die Versorgungssicherheit der riesigen Bevölkerung zu garantieren. Da die Binnenlandwirtschaft zu klein ist, hat China ein Interesse an Agrarimporten und somit an der Weltlandwirtschaft und an globalen Agrar-Innovationen. Ziel ist es, Nahrungsmittel nach China importieren zu können. Schon vor der Ära Trump sorgte sich China darum, dass bald alle grossen ausländischen Agrarchemiekonzerne in amerikanischer Hand sein würden.

Ein freundliches Vorgehen

Dem Syngenta-Verwaltungsrat fiel es aus mehreren Gründen leicht, den Aktionären das Übernahmeangebot der Chinesen zur Annahme zu empfehlen: ChemChina garantierte den Standort Schweiz, respektierte das grosse Know-how des Basler Konzerns und strebte eine freundliche Übernahme an.
Wenn es nur darum gegangen wäre, vom Syngenta-Know-how zu profitieren, dann hätten die Chinesen das mit Lizenzverträgen erreichen können. Dazu hätte es nicht die drittgrösste Cash-Offerte der Finanzgeschichte gebraucht, so Mäder.
Eine Sitzverlegung nach China hätte gemäss Mäder ebenso den chinesischen Absichten widersprochen, die ja dank dem Deal ihre Stellung in der weltweiten Landwirtschaft zu stärken suchten.
Die Reaktionen auf die Übernahme waren denn auch überwiegend positiv.

Was sind nationale Sicherheitsinteressen?

Interessante Einsichten gab Mäder zur Überprüfung des Deals durch die Wettbewerbsbehörden verschiedener Staaten: USA, EU, Indien, grosse Agrarstaaten.

In den USA wurde der Deal auch durch das CFIUS geprüft: Diese "Committee on Foreign Investment in the United States" prüft, ob die Übernahme den nationalen Sicherheitsinteressen der USA entspricht. Dieses Verfahren bezeichnete der Jurist Mäder als intransparent und letztlich willkürlich, weil die beteiligten Firmen nie erfahren, wo denn genau allfällige Probleme liegen. Die Übernahme von Syngenta durch ChemChina wurde schliesslich auch in den USA genehmigt (wie erwähnt noch unter Präsident Obama).

Eine "Lex China" für die Schweiz?

Syngenta existiert nach wie vor als eigenständige Firma. Vor diesem Hintergrund fragte Mäder zuletzt, ob es denn Sinn mache, Übernahmen von Schweizer Firmen durch Ausländer zu überprüfen. Dies wird von verschiedenen Seiten, manchmal unter dem Label "Lex China", gefordert. Der Jurist Mäder lehnt solche Ansinnen ab.

Erstens sei in aller Regel gar nicht klar, was denn überhaupt die konkreten Probleme bei solchen Übernahmen seien. Zweitens sei unklar, nach welchen Masstäben solche Investitionskontrollen durchgeführt würden. Drittens seien die formalen Aspekte unklar: Vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen mit unzähligen Untersuchungen durch Wettbewerbsbehörden oder auch durch das CFIUS äusserte Mäder den starken Verdacht, dass solche Prüfungen kaum neutral ablaufen würden. Vielmehr würden sie Spielball politischer Interessen werden. Und letztlich, so Mäder, sei die Schweiz in ihrer Geschichte mit offenen Märkten immer gut gefahren.

Der von der Stiftung zur Förderung des Schweizerischen Wirtschaftsarchivs organisierte Vortragsabend schloss mit einer lebhaften Diskussion.

Bericht im Tages-Anzeiger

27.11.2019 / Martin Lüpold