Europa und Globalisierungskrise - von der Bedeutung der Wirtschaftsgeschichte

Inputreferat Rolf Niederhauser
Podiumsdiskussion mit Thomas Maissen und Rolf Soiron

Dem Unternehmenshistoriker ist Alfred Bürgin (1927-2014) als Autor einer Geschichte der Firma Geigy bekannt. Das Werk, 1958 erschienen, ist zugleich Familiengeschichte und Geschichte der Basler Chemie.
Schon in diesem Buch zeigt sich das Thema, mit welchem sich Alfred Bürgin (Volkswirtschafter im Dienste der Firma Geigy bzw. Ciba-Geigy und Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Universität Basel) sein Leben lang beschäftigt hat, nämlich die Geschichte des Kapitalismus in Europa. Fakt ist, dass sich der Kapitalismus nur gerade in Europa entwickelt hat.
Was macht die ökonomische Entwicklung Europas so besonders, fragte sich der Wirtschaftshistoriker und Schriftsteller Rolf Niederhauser in seinem Referat am 5. Juni 2018 im WWZ, das dem Gedanken Alfred Bürgins gewidmet war.

Der soziale Kontext ist entscheidend

Anhand einer Grafik stellte Niederhauser die Zentren dieser Entwicklung dar, die zugleich Bürgins Hauptwerk «Zur Soziogenese der Politischen Ökonomie» strukturieren: Es waren dies die Hanse-Städte, die freien deutschen Städte des Mittelalters, die italienischen Städte der Renaissance, dann die iberischen Reiche, die niederländische Republik, das absolutistische Frankreich und schliesslich das Grossbritannien der industriellen Revolution.
Als Kontrastfolie dieser neuzeitlichen Entwicklung diente Bürgin die Antike: Bei Aristoteles galt die Ökonomie als häusliche Aktivität; privater Wohlstand sollte den Polis-Bürger frei machen für die Politik als Hauptinteresse. In der Neuzeit veränderte sich dann mit der Erfindung der "politischen Ökonomie" das Verhältnis von Wirtschaft und Politik. Ein Beispiel ist die staatliche Förderung einer auch privaten Wirtschaft im französischen Merkantilismus.

Eine gewisse Rolle für die Entwicklung spielte das Verhältnis von Stadt und Land - dass der Kapitalismus in der italienischen Stadt der Renaissance in einer Sackgasse mündete, lag auch darin begründet, dass eine Verlagerung der Tuchproduktion auf das Umland der Städte aus bestimmten Gründen nicht stattfand. Wie sich an diesem Beispiel zeigt, war nicht die Verfügbarkeit einer Technologie, sondern das gesellschaftliche Umfeld wesentlich. Der Homo oeconomicus sei ein historisches Projekt, so resümierte Niederhauser die Gedanken Bürgins.

Wirtschaftswissenschaften als Sozialwissenschaft?

Das anschliessende Podiumsgespräch zwischen dem Unternehmensleiter (und Historiker) Rolf Soiron und dem Geschichtsprofessor Thomas Maissen, moderiert vom Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann, schloss an diese Gedanken an. Wie Maissen ausführte, sei die politische Ökonomie nur eine mögliche, wenn auch wichtige Selbstdeutung des europäischen Menschen.
Rolf Soiron kam auf die Ablösung der Basler Wirtschaftswissenschaften von der Philosophischen Fakultät zu sprechen, die damals (um 1990 von Alfred Bürgin kritisiert worden war. Der Kritikpunkt sei dabei weniger diese Loslösung gewesen, als der verpasste Zusammenschluss der Ökonomie mit der Soziologie und der Rechtswissenschaft zu einer neuen sozialwissenschaftlichen Einheit.
Einig waren sich das Podium und das Publikum jedenfalls darin, dass die Betriebswirtschaft keine exakte Wissenschaft ist, sondern sich ihres gesellschaftlichen, auch volkswirtschaftlichen Umfelds stärker bewusst sein müsste. Es dürfe nicht sein, dass man Betriebswirtschaft studiere, ohne zumindest die Grundlagen der Volkswirtschaft kennenzulernen.

Europas Zukunft ist seine Vielfalt

Die Diskussion von Fragen aus dem Publikum drehte sich darum, ob Europa auch in einem kommenden chinesischen Zeitalter innovativ und wirtschaftlich erfolgreich bleiben könne.
Maissen gab zu bedenken, dass das in den 1980er Jahren vorhergesagte japanische Zeitalter ebenso wenig eingetroffen sei wie das vor dem Ersten Weltkrieg sich anbahnende Zeitalter einer technologischen wie politischen Dominanz Deutschlands.
Soiron gab zu bedenken, dass Europas grosse Stärke in seiner Vielfalt liege. Bürgin habe aufgezeigt, dass sich die Innovationszentren zwar oft verschoben hätten, dass dies aber immer dem ganzen Kontinent zugute gekommen sei. Soiron verwies darauf, dass die europäischen Unternehmen in einem positiven Sinne noch nie so divers gewesen seien wie heute, und dass sie es schaffen, für ihre Labors, Leitungsebenen und IT-Abteilungen die besten Köpfe von überall her zu gewinnen.
Mit Blick auf die EU verwies Maissen auf das Doppelgesicht von "Einstimmigkeit" - die Schweiz habe einen Bürgerkrieg (1847) und lange Jahrzehnte gebraucht, um zu Einstimmigkeit zu kommen; zuviel Einstimmigkeit führe aber in die Sackgasse; es brauche Mehrstimmigkeit und vor allem einen guten Umgang mit Verlierern.

Wirtschaft ist kein Naturgesetz

Das Schlusswort gehörte gewissermassen Alfred Bürgin: Er habe immer wissen wollen, ob es auch anders hätte kommen können. Entwicklungen zu verstehen sei für ihn wichtiger gewesen als konkrete Lösungen zu suchen. Denn wesentlich war für ihn, dass Wirtschaft nicht unser Schicksal sei; Wirtschaft folge keinen Naturgesetzen, sondern sei menschengemacht, und insofern bestehen sehr wohl Einflussmöglichkeiten. Ob Europa konkurrenzfähig bleibt, hängt von uns ab. Insofern sind wir nicht am Ende der Geschichte, sondern mittendrin.

Der Nachlass bzw. Archivbestand des bedeutenden Basler Wirtschaftshistorikers Alfred Bürgin (1927-2014) wird bald im Schweizerischen Wirtschaftsarchiv zugänglich sein.

12.06.2018 / Martin Lüpold