Kulturerbe Industriefilm - Bericht vom Themenabend vom 31.10.

Ist das Kulturerbe «Industriefilm» noch zu retten? Mit dieser Frage befasste sich ein Themenabend vom 31. Oktober 2018 im Schweizerischen Wirtschaftsarchiv (SWA). Die Frage zielt durchaus in mehrere Richtungen. Vermehrt kommen mit Firmenarchiven Industriefilme in die Archive. Das SWA hat mit dem Firmenarchiv des Aluminiumherstellers Alusuisse eine Anzahl Filme übernommen. Diese 129 Filme, teils aus mehreren Filmrollen bestehend, sind nun insofern gerettet, als sie vor dem Wegwerfen geschützt sind.

Jedoch neigt das Filmmaterial aus chemischen Gründen zum Zerfall. Je älter sie werden, desto weniger lassen sich die Filme noch abspielen, ohne dass sie kaputt gehen. Sowieso besitzt das SWA keine Abspielgeräte für die diversen Filmformate wie 16mm oder 35mm. Die Übernahme ins Archiv war also nur der erste Schritt zur Sicherung. Damit die Filme genutzt werden können, müssen sie digitalisiert werden. Wie der Prozess von der Digitalisierung bis zur Benutzung abläuft, das liess sich am Themenabend von David Pfluger (Filmspezialist und Gutachter im Kompetenznetzwerk Film und Video von Memoriav), Felix Rauh (stellvertretender Direktor Memoriav) und Elias Kreyenbühl (Leiter Digitalisierung der UB Basel) erfahren.

Denn wir wissen nicht, was wir vor uns haben

Beim Erschliessen von Filmen hat der Archivar nur sehr wenige Informationen zur Verfügung – vielleicht stehen ein Filmtitel oder eine Jahreszahl auf der Filmdose. «Wir wissen nicht, was wir digitalisieren», brachte es Elias Kreyenbühl, Leiter Digitalisierung der UB Basel, auf den Punkt. Anschauen kann der Archivar den Film nicht, weil ihm, die Gerätschaften, das technische Fachwissen und wahrscheinlich auch die Zeit fehlen.

Vor der Digitalisierung geht es daher erst einmal darum, mehr Informationen über den Film zu erhalten. Hier kommen Experten wie David Pfluger zum Zug. Er analysiert und dokumentiert den Film als Objekt und versucht, mehr über den Kontext herauszufinden. Eventuell wird der Film gereinigt. Aufschriften, technische Eigenschaften und der Zustand werden untersucht. Schon aufgrund der Randperforierung und dort angebrachter Symbole kann Pfluger zum Beispiel herausfinden, dass es sich beim Film mit der Aufschrift «Schlotterbeck Garage, Zch.» aus dem Firmenarchive der Alusuisse um einen Amateurfilm ohne Ton handelt, der wahrscheinlich in den 1950er Jahren entstanden ist und den Bau der aus Alu-Elementen bestehenden Garage in Zürich behandelt.

Wenn der Zustand befriedigend ist, kann Pfluger den Film auf dem Leuchtpult visionieren. Erst nach dem Visionieren kann er einschätzen, ob sich eine Digitalisierung des Films inhaltlich lohnt.

In einem spezialisierten Labor der Universität Basel digitalisieren dann andere Spezialisten den Film mit einem Filmscanner. Das Resultat ist eine grosse Videodatei (evtl. mit zugehörigem Ton). Daraus wird nun eine Benutzungskopie erstellt, die sich am Bildschirm abspielen lässt.

Vom Urheberrecht

Die Arbeiten sind damit noch nicht abgeschlossen: Die von David Pfluger dokumentierten Zusatzinformationen müssen in den Archivkatalog übertragen werden. Das digitale Element des Films muss langfristig archiviert werden. Die Benutzungskopie muss unter Einhaltung des Urheberrechts zugänglich gemacht werden. Denn wenn das Archiv nicht über die Urheberrechte verfügt, kann der Film nicht einfach ins Internet gestellt werden. Dagegen ist es möglich, den Film in die Datenbank Memobase aufzunehmen. Diese Datenbank ermöglicht den Zugang zu zahlreichen audiovisuellen Dokumenten aus Schweizer Gedächtnisinstitutionen. Urheberrechtlich geschützte Filme lassen sich auf speziellen Arbeitsstationen in Bibliotheken und Archiven konsultieren.

Industriefilm – eine eigenständige Quelle

Die Datenbank Memobase wird vom Verein Memoriav betrieben, der mit Empfehlungen und Geld die Erhaltung des audiovisuellen Kulturguts der Schweiz fördert. Felix Rauh, Vizedirektor von Memoriav und Filmhistoriker, unternahm es, zwei Filme aus dem Alusuisse-Archiv als historische Quelle zu betrachten. Dies sind Filme, die wahrscheinlich seit Jahrzehnten nicht mehr abgespielt worden sind. Das Wesentliche bei der Arbeit mit Film sei ein guter und genauer Blick: Was ist im Film zu sehen, wie ist er inszeniert? Beim Walzwerkfilm von 1942 machte Rauh auf die Nahaufnahmen aufmerksam. Diese zeigen auch konzentrierte, zufriedene Arbeiter bei der Arbeit am Walliser Fabrikstandort Chippis. Es wird deutlich, dass der Film die Arbeitsprozesse im Walzwerk dokumentieren will. Rauh vermutete, dass dieser Lehrfilm nicht nur firmenintern genutzt wurde, sondern auch einem breiteren Publikum, etwa im Volks- oder Schulkino gezeigt wurde. Ähnliche Szenen sind in Filmwochenschauen zu finden, die bereits online über Memobase zugänglich sind.

Die Eroberung Australiens

Ein weiterer Alusuisse-Film handelt vom Aufbau der Bauxitmine und -raffinerie von Gove in Nordaustralien. Alusuisse hat dort zu Beginn der 1970er Jahre einen riesigen Industriekomplex inklusive zugehöriger Kleinstadt aus dem Boden gestampft. Der Film zeigt den Aufbau aus dem Blickwinkel eines Walliser Alusuisse-Mitarbeiters. Wie Eroberer betreten die Schweizer den australischen Kontinent. In Westernmanier läuft die Begegnung mit der einheimischen Bevölkerung ab. Die rauchenden Fabrikkamine zeugen vom Fortschritt, den der Schweizer Alukonzern in die nordaustralische Landschaft brachte. Umweltfragen, der Postkolonialismus oder das Selbstverständnis von Schweizer Konzernen im Ausland sind Themen, die sich anhand des Gove-Films untersuchen lassen. Rauh fand es interessant, dass der Kontext dieses Films im Firmenarchiv gut dokumentiert ist. Hinzuzufügen ist, dass Alusuisse auch in Lateinamerika und in Afrika tätig war, was teilweise ebenfalls durch Filme dokumentiert ist. Auch ein Vergleich des Australien-Films mit der Bildsprache und der Inszenierung der Filme über die Walliser Werke würde sich zweifellos lohnen.

Bis alle Alusuisse-Filme und weitere Industriefilme aus dem SWA digitalisiert und zugänglich sind, wird es noch eine Weile dauern. Ein guter Anfang, so wurde an diesem Themenabend deutlich, ist gemacht.

12.11.2018 / Martin Lüpold